Individuelle Ernährung ist alles

Kopfschüttelnd schaue ich in letzter Zeit zu, wie sich im Ernährungsbereich alles in Richtung richtig oder falsch, schwarz oder weiss und null Toleranz entwickelt. Egal ob Ärzte, Therapeuten, TV-Köche, Ernährungsberater,  spirituelle Gurus, Yogis oder Bodybuilder, jede und jeder ist überzeugt, die absolute Wahrheit und das einzig richtige Programm in Sachen Ernährung zu kennen. Die einen sind überzeugt, dass man tierische Produkte zum langfristigen Überleben braucht und es grobfahrlässig ist, wenn Eltern ihre Kinder vegan aufwachsen lassen. Strenge Veganer – vor allem ethisch orientierte – wiederum verteufeln Leute, wenn diese zum Beispiel auf einer Social-Media Plattform sagen, dass sie zwar grundsätzlich vegan sind, aber ab und zu mal ein Ei essen. Egal ob High Carb, Low Carb, High Protein, High Fat, basisch, glutenfrei, zuckerfrei, Rohkost, reine Früchteernährung oder was auch immer, Ernährungsarten schiessen im vegetarisch/veganen und im Allesesserbereich wie Pilze aus dem Boden und jede verspricht die perfekte Figur, die optimale Fitness, die absolute Gesundheit und den Jungbrunnen per se. Ich warte nur noch auf den Tag, an dem eine Ernährungsform auftaucht, die das ewige Leben garantiert…

Rawtill4 – also tagsüber vorwiegend Rohkost – tut mir sehr gut und verhindert das Leistungstief am Nachmittag über das viele klagen.

Rawtill4 – also tagsüber vorwiegend Rohkost – tut mir sehr gut und verhindert das Leistungstief am Nachmittag über das viele klagen.

Natürlich vertrete und empfehle auch ich eine Richtung, nämlich weitestgehend vegan mit hohem Rohkost- und Superfoodanteil. Selber lehne ich mich auch an Rawtill4 an und praktiziere an den meisten Tagen intermittierendes Fasten. Aber – und das ist das Wichtigste – ich ernähre mich jeden Tag individuell je nach dem was in meinem Leben, in der Aussenwelt, in meiner Psyche und in meinem Körper gerade Thema ist. Und genau so passe ich auch jede Beratung und jedes Coaching individuell auf jede Klientin und jeden Klienten an. Jede und jeder von uns ist anders und jeder Körper, jede Psyche und die ganze Welt ist in ständiger Veränderung.

Du bist in dieser Minute ein anderer Mensch als du in einer halben Stunde sein wirst.

Von der Lebenssituation über klimatische Einflüsse bis zur aktuellen Tagesform

Um die beste Essenswahl für jeden Tag zu treffen, ist es wichtig, dass du dir deiner aktuellen Lebenssituation bewusst bist, diese annimmst und dich entsprechend verhältst. Wenn du nach einer kräftezehrenden Krankheit 10 Kilogramm Untergewicht hast, benötigst du eine ganz andere Ernährung als wenn du vor Gesundheit strotzt, einen tollen Formstand hast und auf einen Wettkampf trainierst. Das war jetzt ein Extrembeispiel. Es ist im Kleinen aber genauso. Wenn du mit einer garstigen Erkältung im Bett liegst, sniefst und Schüttelfrost hast und ausser ein bisschen lesen und Musik hören gar nichts machst, dann bist du mit viel Ingwer-Zitrone-Tee und leichten Gemüsesuppen mit Zwiebeln gut versorgt. Wenn du jedoch einen Zwölfstunden-Arbeitstag mit zwei aufreibenden Meetings durchstehen musst und auch noch ein kreatives Konzept für ein neues Projekt abliefern solltest, sind Tee und Suppe nicht die beste Lösung. Bei viel sitzender Gehirntätigkeit sind leicht verdauliche Kohlehydrate wichtig und du wirst mit einem grünen Smoothie am Morgen, einem Quinoasalat mit viel Rohkost am Mittag und mit einem Gemüse-Tofu-Curry mit Reis am Abend gut bedient sein. Wenn du dagegen eine handwerkliche Tätigkeit ausübst, den ganzen Tag in Bewegung bist und abends noch zwei Kilometer schwimmst und danach eine Stunde an Geräten pumpst, dann brauchst du eine gute Portion Kohlehydrate, ausreichend Eiweiss, aber auch möglichst viele entzündungshemmende Nahrungsmittel, damit Muskel- und Gelenk-Reizungen bereits im Keim erstickt werden und nicht zu Überlastungsverletzungen führen.

Während dem Skifahren bei Minustemperaturen, bist du in einer Pause mit einer warmen Matcha-Latte glücklicher als mit einem kalten Fruchtsaft.

Während dem Skifahren bei Minustemperaturen, bist du in einer Pause mit einer warmen Matcha-Latte glücklicher als mit einem kalten Fruchtsaft.

Es kommt aber nicht nur darauf an, was du leistest. Auch klimatische Bedingungen haben Einfluss auf die Bedürfnisse des Körpers. Wenn du zum Beispiel auf Bali lebst, kannst du deinen Körper mit Rohkost – mit hohem Früchteanteil und Salaten – sehr gut sättigen und wirst auch mental zufrieden sein. Wenn du jedoch den Winter in den Schweizer Bergen, auf 1800 Meter über Meer und mit ständigen Minustemperaturen verbringst, wirst du mit früchtebasierter Rohkost langfristig nicht leistungsfähig und schon gar nicht mental ausgeglichen sein.

Ganz entscheidend ist auch die Tagesform. Wenn du morgens einen perfekten Tagesplan parat hast und deine Mahlzeiten passend dazu organisiert hast, kann es trotzdem sein, dass schon am Mittag eine Kurskorrektur nötig wird. Denn wenn es in der Besprechung mit deinem wichtigsten Kunden statt dem erwarteten Lob plötzlich Kritik hagelt, dazu vor deinem Bürofenster die Strasse mit dröhnendem Lärm aufgerissen wird und du auch noch dein Pausengetränk über die Tastatur verschüttest, dann brauchst du mittags Nervennahrung, die du vermutlich am Morgen noch nicht eingeplant hast. Und so ist im Kleinen jeder Tag und im Grossen jede Lebensphase anders.

Ernährungsumstellung nach Schema X funktioniert nicht

Wenn du also gerade vor hast, in 30 Tagen mit Diät XY zehn Kilos dauerhaft abzunehmen oder von heute auf morgen von Allesesserkost auf vegane basische Ernährung umzustellen oder von veganer Kochkost auf früchtebasierte Rohkost zu wechseln und bis ans Ende aller Tage gesund, fit, leistungsfähig und wunderschön zu sein, muss ich dich enttäuschen.

ES FUNKTIONIERT NICHT.

Zumindest nicht langfristig. Ich selber habe diese Erfahrung zur Genüge und mit verschiedenen Ernährungsprogrammen gemacht. Ich hatte zum Beispiel nach meiner ersten Krankheitsphase (siehe «Über mich») eine Zeit in der ich bewusst entgiftet habe, was auch richtig war. Da sich das die ersten Monate super angefühlt hat, ich mich viel leichter und klarer gefühlt habe und meine Krankheitssymptome verschwanden, dachte ich, ein sehr, sehr hoher Rohkostanteil sei optimal für mich. Ich habe die meisten Kochutensilien in den Keller verbannt und mir auferlegt, nur noch höchsten zweimal pro Woche etwas gekochtes zu essen. Und was ist passiert? Ich habe bei Temperaturen unter 20 Grad in einer dicken Jacke geschlottert, während andere noch im T-Shirt rumgerannt sind. Und – die Entgiftung hat nicht mehr aufgehört. Drei- bis viermal pro Tag aufs Klo war die Norm, dazu oft Blähungen und irgendwann war ich sehr schlank, wenn nicht sogar dünn. Ich hatte bei der ganzen Sache nicht bedacht, dass mein Verdauungstrakt durch viele Milchprodukte (Vegetarierin war ich schon lange), viel Gluten, viel Zucker und Frittiertes ziemlich geschädigt war. Mir war auch nicht bewusst, dass durch das Amalgam in meinen Zähnen plus die Wirkung der Rohkost, die Entgiftung immer wieder von neuem angeregt wurde und meine psychische Verfassung und die klimatischen Bedingungen habe ich auch nicht ernsthaft in meine Überlegungen einbezogen.

Zum Glück bin ich eine sehr «gwundrige» Person und hinterfrage alles. Wenn etwas nicht funktioniert, möchte ich mehr darüber wissen, lese schnell mal zwei Dutzend Bücher zum Thema, schaue Reportagen und Youtube-Videos und besuche Vorträge und Seminare. So konnte ich mir innert ein paar Jahren ein breites Wissen zu den vielen Ernährungsformen aneignen und ich habe – und tue es immer noch – ganz viel ausprobiert. Heute bin ich überzeugt, dass es DIE richtige Ernährungsform nicht gibt.

Wenn ich tagsüber viel geleistet und viel Rohkost gegessen habe, liebe ich abends ein Verwöhnessen. Natürlich achte ich auch da auf gesunde Zutaten, aber es darf auch mal üppig ausfallen. Weil es mir gut tut!

Wenn ich tagsüber viel geleistet und viel Rohkost gegessen habe, liebe ich abends ein Verwöhnessen. Natürlich achte ich auch da auf gesunde Zutaten, aber es darf auch mal üppig ausfallen. Weil es mir gut tut!

Die einzige Wahrheit ist, dass es die einzige Wahrheit nicht gibt

Jede und jeder von uns steht an einer anderen Stelle im Leben. Jede/r hat einen anderen Weg hinter sich und einen vor sich, den sie oder er noch nicht kennt. Jede/r hat einen anderen Körper, eine andere körperliche Konstitution und eine andere Gesundheits- oder Krankengeschichte. Jede/r funktioniert auf einer individuellen mentalen Ebene, hat einen anderen spirituellen oder religiösen Hintergrund und ist in seiner ganz persönlichen psychischen Verfassung. Wir leben in unterschiedlichen klimatischen Verhältnissen, erbringen unterschiedliche Leistung, haben nicht überall auf der Welt die gleichen Nahrungsmittel zur Verfügung und haben ganz unterschiedliche finanzielle Möglichkeiten.

Du kannst die optimale Ernährungsform für dich finden, indem du anhand deiner aktuellen Lebenssituation verschiedene Ernährungstheorien, -programme und -ansätze studierst und ausprobierst. Einiges wird dir gut tun, anderes weniger. Nimm dir überall das raus, was für dich stimmt, mische es mit deinen ethischen und spirituellen Ansätzen und schustere daraus deine persönliche Ernährungsform. So habe auch ich es gemacht. Achte aber darauf, dass du innerhalb deiner gewählten Art der Ernährung nicht plötzlich stur wirst, nie mehr etwas veränderst und ein schlechtes Gewissen hast, wenn du mal eine Tüte Chips isst oder auf einer Reise etwas vegetarisches isst, weil du spätabends ankommst und es im Hotel nichts veganes gibt. Und gönn dir auch mal ein Glas Champagner, wenn du was zu feiern hast.

Bewusst entscheiden statt stur Ernährungspläne einhalten

Versuche so oft wie möglich vor jeder Mahlzeit bewusst zu entscheiden, was du isst. Nimm dir drei Minuten Zeit zu überlegen, was der Tag bis dahin gebracht hat, wie du dich gerade fühlst und was nach dem Essen noch ansteht. Und entscheide dich dann für die Mahlzeit, die am Besten passt. Wenn du dein Essen am Morgen vorbereitet hast und zur Arbeit oder für unterwegs mitgenommen hast, lass eine Komponente weg, wenn sie nicht mehr zur Situation passt oder ergänze die Mahlzeit kurzfristig mit etwas zusätzlichem, wenn du mehr Energie verbraucht hast als erwartet. Das tönt im ersten Moment aufwändig und kompliziert. Es ist aber nur eine Gewöhnungssache. Wenn du erstmal merkst, wie positiv sich die individuellen Mahlzeiten auf dein Wohlbefinden auswirken, möchtest du es nicht mehr missen. Sei dein eigener Ernährungs-Guru, denn niemand anders kennt dein Leben und deinen Körper besser.

Falls du beim Finden deiner optimalen Ernährungsform Hilfe möchtest, stehe ich dir gerne zur Verfügung: Beratung und Coaching

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